Seit 100 Jahren gehört Chiemseer Dirndl & Tracht zum festen Bestandteil der Trachtenkultur im Chiemgau. Das Familienunternehmen aus Übersee hat mehrere Generationen überdauert und sich in einer Branche behauptet, die sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. Während Trachtenmode heute vielfach industriell und außerhalb Europas produziert wird, setzt das Unternehmen weiterhin auf die bewährte Produktion in Übersee, regionale Herkunft der Materialien und eine enge Verbindung zum traditionellen Handwerk.
Die Geschichte begann 1926 im Nachbarort Grabenstätt. Dort gründete die Familie Ehrenleitner zunächst eine klassische Krämerei mit Waren des täglichen Bedarfs. Die Großmutter der heutigen Inhaber hängte irgendwann einige selbst genähte Dirndl in den Laden, berichtet Marco Ehrenleitner, der heutige Geschäftsführer. "Die erfolgreiche Geschäftsidee ist eigentlich dem Zufall geschuldet", sagt der xx-Jährige. 1938 zog der Betrieb nach Übersee am Chiemsee um. Die bessere Verkehrsanbindung und der Bahnhof machten den Ort zu einem wichtigen Standort für Handel und Versorgung in der Region.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich das Sortiment Schritt für Schritt. In den 1950er-Jahren begann die Familie, sich zunehmend auf Trachtenmode zu konzentrieren. Erste Dirndl wurden im Haus gefertigt — von Näherinnen aus der Umgebung. 1961 entstanden schließlich eine eigene Dirndlstube sowie ein Verkaufsbereich ausschließlich für Trachtenmode. Damit wurde die Tracht endgültig zu einem zentralen Bestandteil des Geschäfts.
Auch neue Vertriebswege kamen früh hinzu. Mitte der 1960er-Jahre begann Chiemseer Dirndl & Tracht mit dem Versandhandel über einen eigenen Katalog. Kundinnen aus ganz Deutschland konnten ihre Dirndl nun direkt aus Übersee bestellen — lange bevor Versandmode selbstverständlich wurde.
Ein wichtiger Schritt in der öffentlichen Wahrnehmung folgte 1975 mit Radiowerbung im Bayerischen Rundfunk. Der Satz „Auf nach Übersee! Nein, nicht nach Amerika, nach Übersee am schönen Chiemsee, zu Chiemseer Dirndl & Tracht“ war ein beinahe legendärer Werbespruch in Bayern.
1984 fiel schließlich die Entscheidung zur vollständigen Spezialisierung auf Trachtenmode. Der Fokus lag von nun an ausschließlich auf Dirndl und Tracht. Diese Ausrichtung prägt das Unternehmen bis heute.
„Wer einen traditionellen Betrieb führen will, muss auch bei den Materialien glaubwürdig bleiben", betont Ehrenleitner. Die Stoffe für die Dirndl stammen ausschließlich aus Europa, viele davon direkt aus Bayern und Österreich. Verarbeitet werden unter anderem Leinen, Baumwolle, Walk und Loden. Damit verfolgt Chiemseer Dirndl & Tracht bewusst einen Weg, der sich von internationalisierten Produktionsketten abgrenzt. Kurze Lieferwege und nachvollziehbare Herkunft spielen dabei ebenso eine Rolle wie die handwerkliche Verarbeitung.
Heute wird Chiemseer Dirndl & Tracht in vierter Generation von der Familie Ehrenleitner geführt. Seniorchef Rudolf ist Impuls- und Ideengeber, Tochter Sibyll entwirft die Schnitte. Das 100-jährige Bestehen im Jahr 2026 markiert nicht nur ein Firmenjubiläum, sondern auch ein Stück regionaler Wirtschaftsgeschichte. Über ein Jahrhundert hinweg hat sich das Unternehmen als Familienbetrieb behauptet und gleichzeitig einen Teil der bayerischen Trachtenkultur bewahrt. In Übersee steht Chiemseer Dirndl & Tracht heute für Kontinuität in einer Branche, die sich immer wieder neu erfinden musste.